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Friedlicher Winter am See

 

Der große See war ebenmäßig zugefroren. Es lag in diesem Jahr kein Schnee darauf, so daß sich Edgar auch an diesem Abend nicht davon trennen mochte, obwohl die Dämmerung schon fast von der Nacht eingeholt wurde.

Nur noch ein einziges Mal wollte er den See mit seinen neu gestohlenen Schlittschuhen überqueren. Immer schneller wurde die Fahrt, immer ausdehnender die Schritte. Ungefähr in der Mitte des Sees passierte es dann: ein Ruck, ein Taumeln, Stolpern und wildes Gestikulieren, dann rutschte er lang ausgestreckt über das Eis.

Zum Glück konnte Edgar aufstehen und gehen, er hatte sich nur das Knie verletzt, denn es war niemand mehr da, der ihm hätte helfen können. Er band die Schlittschuhe ab und ging langsam, mit geneigtem Kopf zurück. Es waren kaum fünf Schritte, da stieß die Fußspitze des verletzten Beines erneut gegen das Hindernis, welches ihn zu Fall gebracht hatte.

Böse fluchend beugte Edgar sich nieder. Es war der offene Hals einer Flasche, die senkrecht nach unten im Eis eingefroren war. Ihr Kopf, den er kurz über dem Eis sauber aber unfreiwillig abgetrennt hatte, lag gleich daneben. Die Flamme des Feuerzeuges leuchtete unruhig den Unfallort ab, und Edgar gewann den Eindruck, daß im Inneren der Flasche ein Papierstück sei.

Mit der Kufe eines seiner neuen Schnellaufschuhe versuchte er, die Flasche freizulegen, da ihm dies aber zu langwierig und zu mühsam erschien, brach er das Vorhaben ab und ging nach Haus.

Ingrid wartete schon lange am gedeckten Tisch auf das gemeinsame Abendessen, und weil sie ein sehr friedliebender Mensch war, redete sie wie immer über alles mögliche, nur nicht über das, was sie wirklich dachte.

"Es ist kein schöner Winter ... Mitte Dezember hat sonst all die Jahre immer Schnee gelegen ... die Temperaturen liegen seit Tagen gerade so um Null Grad ... aber morgen soll es vielleicht endlich schneien ... wäre das nicht schön?"

"Laß mich mit diesem Blabla in Ruhe!"

"Ja ja, natürlich. ... Ach, es wird alles teurer und du weißt, daß ich nicht so viel verdiene. Der Getränkeladen will von uns morgen endlich das Geld für die Bierkästen haben ... Hast du dich heute denn um Arbeit bemüht?"

"Kümmer' dich um deinen eigenen Kram! Ich bin doch nicht so blöd wie du, mich für diesen Hungerlohn am Fließband krumm zu machen!"

"... aber von diesem Hungerlohn hast du doch eben dein Schinkenbrot gegessen ... und wenn wir nun beide arbeiten würden, dann könnten wir doch gut leben ..."

"Halt' jetzt bloß deine Klappe und verschwinde in die Kammer! Du mußt morgen früh raus - ich kann dich heute sowieso nicht mehr ertragen! Ich will nichts anderes mehr, als in Ruhe mein Bier trinken und fern sehen."

Das Fernseh-Programm entsprach jedoch nicht Edgars Vorstellungen. Und weil er sich langweilte, gewannen die Gedanken über die Flasche im Eis und deren Inhalt eine immer größere Bedeutung. War es der Liebesbrief irgendeiner verliebten Göre? Der Plan eines vergessenen Schatzes? Hatte ein unbekannter Selbstmörder darin sein Testament verwahrt, zugunsten des vom Schicksal ausgesuchten Finders? Hatte der angeschossene Bankräuber kurz vor seinem Tod noch die Kraft, das Versteck seiner Beute zu beschreiben?