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Margarete

Margarete hatte schwer zu tragen an den unzähligen Tüten. Unbequem lagen die harten Tragegriffe in ihren Händen.

Der Reiz ihrer Einkäufe war verschwunden, und je weiter sie sich von den Kaufhäusern entfernte, umso häßlicher erschienen ihr die neuen Kleider und die roten Stiefel. Irgendetwas fehlte noch, sie empfand keine Genugtuung, keine Befriedigung, sie fühlte sich leer, genau wie die Geldbörse, und während die müden Beine den Weg nach Hause ganz automatisch, wie von selbst, abschritten, suchten ihre Augen noch immer verzweifelt nach dem gewissen Etwas.

Die City hatte Margarete längst hinter sich gelassen, und die Vorstadt bot außer den gewohnten Allzweckläden nichts als monotone Häuser, gesichtslose Straßen und blasse Gestalten, die sich beeilten, noch schnell vor Geschäftsschluß ein Brot, Butter, Zigaretten oder Bier zu kaufen.

Sie sah das alles nicht wirklich, sie sah es nie; ihre Sinne, die auf ein Minimum an Reizaufnahme geschrumpft waren, nahmen nur noch Informationen auf, die unerläßlich waren, um den Anforderungen des Straßenverkehrs gerecht zu werden. Da entdeckte sie in dem lieblos dekorierten Schaufenster einer kleinen Samenhandlung einen Zettel, der mit Klebeband an den vier Ecken auf die Scheibe geklebt war:

"Samen aller Art. Günstig"

Angezogen von einer merkwürdigen Wärme ließ Margarete sich von ihrer rechten Hand die Tür zum Laden öffnen und beobachtete aus weiter Ferne, wie sie Samen kaufte; viele verschiedene Sorten. Sie verstand das alles nicht, konnte sich aber nicht widersetzen und folgte ihren Gefühlen, ohne weiter darüber nachzudenken.

Die Wohnungstür wurde geöffnet, die Tüten fielen achtlos in den Flur, und das Schlafzimmer sah nach wenigen Minuten wie das Schlachtfeld einer Irrsinnigen aus: die Überdecken des Bettes halb im überquellenden Schrank, halb auf der Erde; die Matratze herausgerissen; die Kissen verstreut; das Laken über allem und Margarete mitten drin.

Sie hatte den Bettkasten im Sinn und wußte, daß er dafür wie geschaffen war. Dann rannte sie davon, Erde zu besorgen. Der alte Schubkarren, der seit Jahren herrenlos im Vorraum des Kellers herumstand, würde sicher noch gute Dienste leisten. Sie schob ihn in den nahegelegenen Park. Von den irritierten Blicken der Spaziergänger ließ sie sich nicht stören, als sie die Boden mit den Händen vom Laub befreite. Dann füllte sie den Schubkarren mit einem kleinen Eimer zügig bis zum Rand voll mit Erde und brachte ihn ebenso zügig wieder bis vor die Haustür. Dort leerte sie den Schubkarren aus, indem sie die Erde Eimer für Eimer in ihre Wohnung brachte. Dieser Vorgang vollzog sich noch weitere neun Mal.

Der Bettkasten war nun vollständig mit Erde gefüllt und die Samen konnten sorgfältig eingesetzt werden. Endlich. Und dann wurde es plötzlich dunkel - Margarete fiel erschöpft in Ohnmacht.

Schon am nächsten Morgen fühlten die Arbeitskollegen, daß die junge Frau verändert war. Schlechthin tippte man auf eine heimliche Liebschaft, deren Lust und Leidenschaft sich auszumalen, besonderen Genuß zu bereiten schien. Und Margarete spielte mit; sie lachte mit; sie feierte mit. Sie wollte, daß die Erinnerung an sie eine freundliche Erinnerung sein würde. Es war ein langer Abschied.

Ein knappes Jahr war vergangen. Lachend und augenzwinkernd verabschiedete sie sich wie jeden Abend von ihren Arbeitskollegen, eine letzte Freundlichkeit, eine letzte Geste des Vertrauens auf das Morgen.