Margarete
Ihre Schritte nach Hause wurden mit abnehmender Entfernung immer langsamer, andächtiger - Aufregung zeichnete das Gesicht. Der Schlüssel drehte sich im Schloß, und ein wunderbares Gefühl breitete sich aus; es war so still. Niemals vorher war es so still; bald würde alles beginnen - alles zuende sein.
Schnell und konzentriert, aber ohne Hast, traf Margarete die letzten Vorbereitungen. Sie schloß die Tür von innen ab und ließ den Schlüssel stecken, füllte zum letzten Mal die Gießkanne mit Wasser, entfernte die Kleider vom Leib und verschwand im Schlafzimmer.
Der Bettkasten war zum Paradies geworden. Hohes Gras, frischer Spargel, Blumen und Farne. Sie kniete davor und ließ es behutsam regnen. Jeder Tropfen war ein kleines Stück Lebensgarantie; jeder Tropfen würde nun auch bald ihr eigenes Leben erhalten.
Zärtlicher Duft forderte ihre Sinne heraus, es war, als ob tausend Blüten im Wettstreit um ihre Gunst rangen. Wellen des Glücks streichelten ihren Körper, jede Faser begann zu beben, ein neuer Rhythmus legte sich um alles, ein fremdes Licht erfüllte den Raum, nichts blieb wie es war, jedes Teil des Seins bekam eine nie gesehene Form, einen neuen Sinn; es begann die Schwerelosigkeit, die Zeit wurde Empfindung, das Leben sichtbar; ein Schleier hob sich.
Ihre Füße zerliefen, die Erde empfing sie, ihr Leib wurde ein anderer: er löste sich auf, ging in den Boden ein. Nichts sollte bleiben, doch alles war noch da. Sie schmolz dahin, kleiner als die Gräser, aber das Gesicht blieb, und wurde zur lieblichsten aller Blüten. Ihr Stengel war zart und schön, ihre Wurzeln fühlten das Wunder der ewigen Geburt, sie trieben den Saft der Erkenntnis empor. Sie wiegte sich mit den Halmen, ihr Haar fiel in Wogen sachte auf und ab, sie wollte bersten, sie war das Leben - und ein junges Blatt zwängte sich aus ihrem Körper, aus der Tiefe der Nacht in den hellen Tag. Geboren zu leben um dann zu sterben.
Viele Wochen waren vergangen, als an einem späten Abend mit wildem Krach die Wohnungstür zerschlagen wurde. Magarete wurde nicht gefunden. Die Polizei fahndete noch einige Tage und die besorgten Nachbarn gaben in verzweifelter Hoffnung noch eine Vermißtenanzeige in der Zeitung auf, aber Margaretes Verschwinden blieb ein Rätsel. Die Wohnung hatte der Besitzer längst säubern und renovieren lassen, um sie wieder vermieten zu können.
So war auch die merkwürdige Geschichte mit den vertrockneten Pflanzen im Bettkasten bald vergessen, und die seltsamste aller Blüten wurde nie gesehen.
Anmerkung:
Diese Kurzerzählung enstand ungefähr 1979
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