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Nachts auf der Autobahn

Sein rechter Fuß stand fest auf dem Gaspedal des Sportwagens, sein linkes Bein war lässig angewinkelt, der linke Arm, in dessen Hand sein Kopf lag, stützte sich am Fenster ab und die rechte Hand korrigierte hin und wieder die Richtung. Es war ihm ein Genuß, auf der Autobahn durch die Nacht zu rasen, zumal er ganz allein war, sowohl im Wagen als auch auf der Autobahn, niemand war vor ihm, niemand hinter ihm und niemand kam ihm auf der anderen Fahrbahn entgegen. Zwar wunderte sich Hermann darüber einen kurzen Augenblick lang, da er jedoch für diesen Zustand keine schnelle und gleichsam vernünftige Erklärung finden konnte, akzeptierte er ihn einfach.

Der Tachometer zeigte schon über eine lange Strecke konstant 210 km/h, Temperaturanzeige und Drehzahlmesser waren normal und das Radio suchte sich selbständig immer wieder die stärkste Frequenz. Hermann ließ seinen Wagen fahren - die Welt und ihre Autobahnen gehörten jetzt ihm - der Mittelstreifen wurde zur Schiene. Kein einziger unangenehmer Gedanke störte die Empfindung. Es war das totale Fahrerlebnis.

"... ich könnte ein Erythrozyt sein! ..." dachte er "... die Autobahn ist ja im Prinzip wie eine Ader und die Autos verhalten sich ähnlich wie rote Blutkörperchen: sie bewegen sich in die von der Ader vorgegebenen Richtung und sie dienen dem Transportsystem innerhalb eines Körpers ..."
seine Gedanken wurden immer schneller und der Druck auf das Gaspedal wurde immer stärker "... diese Welt ist rund ... sie ist ein Körper ... und sie hat einen Transport-Kreislauf, der auf dem Wasser, auf der Lande und in der Luft stattfindet ... diese Kugel, genannt Erde, ist selbst wieder nur wie ein Erythrozyt im Universum, welches auch nur wie ein Erythrozyt in der Unendlichkeit ist ..."

Der höchste Punkt einer Steigung war erreicht und die Autobahn verlief nun ganz gerade hinunter in ein Tal, in dessen Mitte sich eine Stadt an ihren Lichtern zu erkennen gab. Der Tachometer zeigte jetzt 250 km/h und Hermann glaubte fast, mit einer Rakete auf dem Landeanflug zu sein. Der Tachometer stieg auf 270 km/h - Hermann sah da unten bereits die ersten Landebahnsignale. 280 km/h. 290 km/h. 300 km/h. Da sagte Hermann, als Ausdruck seiner Begeisterung, laut zu sich selbst:
"Eine wunderbare Illusion ..." und raste plötzlich in eine bläulich-weiße, völlig dichte Nebelwand.

"Scheiße! Dieser Wagen hat keinen Autopiloten!"

Alle heftigen Versuche zu bremsen führten zum gegenteiligen Ergebnis. 320 km/h. 340 km/h. Die Tachometernadel verbog sich am Begrenzungsstift, brach diesen schließlich ab und begann sich nun immer schneller im Kreis zu drehen. Hermann spürte die steigende Geschwindigkeit am steigenden körperlichen Unwohlsein; ihm war schwindelig und ganz heiß im Kopf. 350 km/h. 400 km/h. Mit letzter Kraft versuchte er, wenigstens das Lenkrad gerade zu halten. 500 km/h. 600 km/h. Dann wurde er ohnmächtig.

Durch undefinierbare Geräusche kam Hermann wieder zu Bewußtsein. Er fühlte sich wie betrunken. Mit beiden Händen rieb er sich auf und ab sein Gesicht, drückte massierend seine Augenlider und sah sich um. Ohne erkennbaren Schaden oder Verletzungen saß er im Wagen, der jetzt zu stehen schien, und immer noch war außen alles bläulich-weiß. Dann bemerkte er, daß die Kontrolleuchten am Radio wild flackerten während sich die Geräusche aus den Lautsprechern langsam veränderten zu verständlichen Tönen, zu Sprache.

"... Du befindest dich im Außenraum von eurem Kosmos, im ersten Sektor der 5.Dimension. Es besteht kein Grund zur Angst, du kehrst bald wieder zurück. Stell jetzt keine Fragen! Betätige den Zigarettenanzünder! ..."