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Dan Kieran ist eine Art moderner Seelenverwandter des Malers. Kieran fliegt nicht, selbst wenn er von England aus nach Warschau möchte oder nach Marrakesch, sondern nimmt den Zug. Das hat mit seiner Flugangst zu tun, aber mehr noch mit seiner Abneigung gegen hektische, flüchtige Eindrücke. Pauschalurlaub ist nicht sein Ding. Kieran ist überzeugter Anhänger des bewussten, langsamen Reisens.

Sein erst vor wenigen Monaten auf Deutsch erschienenes Buch "Slow Travel" ist ein Loblied auf die Langsamkeit. Wobei damit nicht nur die Geschwindigkeit beim Reisen gemeint ist, sondern vielmehr die Haltung, die dahinter steht: die Offenheit, Eindrücke nicht nur ganz flüchtig vorüberhuschen zu lassen. In der modernen Reiseindustrie sieht Kieran dafür wenig Chancen. Dabei ist Slow Tourism nicht nur etwas für Pauschalreise-Totalverweigerer.

"Gewachsene Sehnsucht nach Entschleunigung"

Das Motto "Nun mal schön langsam und alles ganz sachte" klingt zugegebenermaßen nicht aufregend. Also: Wer findet das sexy? "Slow Tourism hat Potenzial und passt perfekt in unsere Zeit", argumentiert Prof. Ulrich Reinhardt. "Da sind zum einen die Vielbeschäftigten, die sonst immer mit Smartphone und iPad durch die Gegend laufen und im Urlaub runterkommen wollen", erklärt der Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg. Es sei genauso interessant für Ältere, die alles etwas ruhiger angehen möchten und vielleicht nicht mehr so gerne in den Flieger steigen. Und daneben all die, die Genuss schätzen und keinen Stress wollen.

Das Bedürfnis nach Ruhe und Entschleunigung findet Susanne Leder mehr als verständlich: "Es gibt in unserer Leistungs- und Erlebnisgesellschaft einfach eine gewachsene Sehnsucht nach Entschleunigung", sagt die Professorin für Tourismusmanagement an der Fachhochschule Südwestfalen in Meschede. "Die zunehmende Komplexität und Geschwindigkeit in der Arbeitswelt macht mental erschöpft", erläutert die Wissenschaftlerin.

So mancher würde da am liebsten sein Leben komplett ändern - das ist allerdings schon psychologisch meist eine Nummer zu groß. "Beim Reisen probiere ich aus, wie das geht. Da darf ich mich trauen, etwas zu machen, was ich mich sonst nicht trauen würde", erläutert die Wissenschaftlerin, die über Muße im Tourismus bereits ihre Doktorarbeit geschrieben hat. "Ich kann zum Beispiel sagen "Ich bin platt, ich muss runterfahren, ich gehe für eine Woche ins Kloster"."

Slow Tourism nur ein Hype?

Wie im Einzelfall aussehen, könne sehr unterschiedlich sein: "Das reicht vom Almurlaub über das Meditationsseminar bis zur Wüstenwanderung", sagt Prof. Leder. "Und von asketisch bis luxuriös." Viele Trends im Tourismus haben damit zu tun: der zu Wellness genauso wie der zur Pilgerreise. Dass die Schweiz das Netz an Winterwanderwegen ausbaut, hängt genauso damit zusammen wie das Bemühen mancher Ferienorte wie den Alpine Pearls, das Autofahren im Urlaub verzichtbar zu machen.

Dass Urlauber einen Gang runterschalten und zur Ruhe kommen wollen, das ist nichts Neues, sagt Prof. Martin Lohmann. Sein Institut in Kiel ermittelt jährlich für die "Reiseanalyse" unter anderem, warum die Menschen in den Urlaub wollen: "Abstand zum Alltag und Frische tanken gehören zu den wichtigsten Motiven überhaupt."

Aber ist Slow Tourism vielleicht nur ein Hype? "Es gibt jedenfalls inzwischen viel mehr Regionen, Ferienorte und Veranstalter, die entsprechende Angebote machen, als wir anfangs gedacht haben", sagt Susanne Leder. "Auch die Tui wirbt inzwischen mit dem Slogan "Zeit für Gefühle"." Grundsätzlich besteht die Gefahr, dass die Branche das Label nun allzu großzügig einsetzt. "Man kann aber nicht jedes Angebot als Slow Travel verkaufen, bei dem es nur darum geht, in Dithmarschen entspannt durch Kohlfelder zu wandern", sagt Martin Lohmann.

Literatur: Dan Kieran: Slow Travel - Die Kunst des Reisens, Rogner Bernhard, 19,95 Euro, ISBN-13: 978-3-95403-012-5

02.01.2014 | 11:52 Uhr fbo, DPA
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