Auszug:
DER SITZ DER SEELE
<...Denn jede Zelle des Leibes hat ihre Seele
für sich; in der Republik, dem Zellstaate, den die letzten
erkennbaren Lebenseinheiten in unserem Leibe bilden, hat jeder
winzige, mikroskopische Bürger einen Hauch der belebten
Allseele in sich, und die Zeit ist nicht mehr fern, wo die Zelle
auch ihr eigenes Gehirn und ihren Nervenapparat für sich
zugesprochen erhalten wird. Die Hirnzellen, die in ihrer Gesamtheit
nur ein grandioses Regulationsorgan darstellen, werden dann nicht
mehr als Thronsessel der Königin Seele gelten, sondern die
Millionen seelischer Wunder, welche insgesamt die unbeschreibbar
herrliche Harmonie eines Lebewesens hervorbringen, werden jeder
Magenzelle, jeder Hautfaser ebenso zugeteilt werden müssen,
wie diesen Prätendenten einer angemaßten Macht, den
sogenannten Zentralorganen.
Die menschliche Seele ist der Mensch als Ganzes.
Mit der Antwort auf seine Herkunft, die die Philosophen anders
als die Theologen, die Naturforscher anders als die Künstler
formulieren, fällt die Frage nach seiner Seele von selbst
zusammen. Die Seele der Monade, des kleinsten Lebewesens, birgt
alle Probleme, und hier mündet eben die Frage nach der Seele
ein in das große Rätsel des Lebens überhaupt.
Wir werden von der Seele stets nur soviel wissen, als wir vom
Leben verstehen. Der Gedanke über die Seele ist eins mit
dem Gedanken über das Leben.>
HUMOR
<...Die Menschheit hat
stets um so mehr Worte über eine Angelegenheit gemacht,
je weniger sie von ihr begriff.
Und die Wissenschaft, diese bedächtige Frau Registratorin, die alles
Menschliche, fein säuberlich zu Millionen Aktenbündeln geordnet,
in den Schubfächern der öffentlichen Büros einer königlichen
Logik aufbewahren läßt, um nur hier und da die Aktenstöße
anders zu gruppieren und dabei viel Staub aufzuwirbeln, bezeugt, was
jeder Katasterbeamte schon lange weiß:
je dunkler ein Prozeß ist, desto höher türmen sich die
ihn behandelnden Dokumente.
So kann ich denn auch nur die Manuskriptensammlung derer, die sich den
Kopf über die drolligste Sache der Welt, über das Lachen, zerbrochen
haben, um ein Exemplar vermehren, natürlich ohne jeden Anspruch,
damit den Zauber von dem neckischen Spiel der Seele zu nehmen oder gar
das heilige Lachen als einen ganz profanen Vorgang zu entlarven.
Ich will nur versuchen, einige Gesichtswinkel zu zeichnen, unter denen
man den Humor und die humoristischen Zustände von einer Seite beleuchten
kann, die vielleicht neu und reizvoll genug ist, um die Aufmerksamkeit
derer, die schon über diese Dinge nachgedacht haben, vorübergehend
festzuhalten.
Dabei muß ich verzichten, nach wissenschaftlicher Autoren Art die
lange Reihe der geistigen Väter von vor und nach Christi Geburt,
die einmal über dasselbe Thema gestolpert sind, herzuzählen,
um endlich zu einem eigenen Körnchen Wahrheit zu kommen, das ich
in den literarischen Riesenscheffel hineinzuwerfen entschlossen bin.>
RAUSCH
<...Das ist immer dasselbe Spiel, oft nur durch
manche phantastischen Exzentrizitäten mit dem Beigeschmack
des Wahnsinns nuanciert, ob das Gift nun Alkohol, Morphium, Haschisch
usw. usw. heißt. Ja, die Herkunft des Alkohols schon färbt
den Rausch spezifisch, wie denn, trotz chemisch gleicher Formel,
Fuselalkohol und veilchenduftender Kognak ganz anderen Anschlag
auf der Klaviatur unseres Seeleninstrumentes bekunden.
Es ist übrigens bei allen Rauschgiften so, als ob dem chemischen
Skelett doch etwas von dem Himmel und Erdreich, unter dem es in der Sonne
reifte, anhaften bleibt, so daß in der berauschten Seele des Menschen
sich etwas von der Heimat der Tränke kund zu geben scheint, aus
der sie stammen. So haben Haschisch und Morphiumträume immer etwas
Orientalisches in ihren Motiven, und der Kartoffelspiritus verrät
pommersche Derbheit und Kraft nicht weniger deutlich als des Rheines
Traube Heiterkeit und Frankreichs Schaumwein seinen perlenden Geist.> |
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Von
der Seele
Carl Ludwig
Schleich
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